Des Kaisers alte Kleider- Prefab Sprout
Gerade lese ich mir das formidable „Don’t believe the Hype“ von Sky Nonhoff über die am meisten überschätzten Alben der Rockgeschichte durch. In diesem kleinen Schatzkästlein kriegen sie alle ihr Fett weg: Bono (natürlich!), Madonna, die Beatles, die Allman Brothers und the Grateful Dead (hart aber nicht unberechtigt), Herbert Grönemeyer (natürlich, aber alleine ihn in diesen Band aufzunehmen ist eigentlich schon eine Frechheit), Neil Young, Van+Jim Morrison, Bruce Springsteen, the Rolling Stones und noch diverse andere.
Lassen Sie sich nicht durch die lausige Bewertung bei Amazon abschrecken. Auch mir hat es weh getan als die Grateful Dead und die Allman Brothers durch den Kakao gezogen wurden, aber es hat auch etwas Befreiendes. Sie werden Sie sich zukünftig nicht mehr die zwanzigminütigen Gitarrenfrickeleien von Jerry Garcia schönlügen, die tatsächlich nur eins sind: langweilig und nur im Drogenrausch zu ertragen.
Falls Sie Deutschlehrer sind, setzen dieses Buch im Unterricht ein. Die Glossen sind nämlich nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch brillant. Ersparen Sie Ihren Schülern Hermann Hesses „Steppenwolf“(don’t believe the Hype!, Sch..buch) und geben Sie Ihnen Nonhoff, denn das wird den Kiddies die dümmliche Heiligenverehrung -die in der Pop-Musik noch schlimmer wütet als in der Katholischen Kirche- austreiben. Überhaupt ist es hohe Kunst, wie Nonhoff und Co-Autoren die versteckten, dumpfen Aversionen, die man früher hatte, in glasklarer Sprache auf Papier bringen, zB Jim Morrison:
Der offenbar von schweren Impotenzängsten geplagte Profilneurotiker lieferte den Vers-Baukasten für mehrere Generationen von Teen-Lyrikern, die der Welt schon immer das eine oder andere dunkeldräuende Wörtchen ansagen wollten: Mit ein bisschen malerischen Nocturne, Tier- und Traumsymbolik, Kristallschiffen (auch bei Bernd Clüver gern genommen) Mahlströmen, Kreuzigung und Auferstehung lässt sich noch heute jederzeit ein faszinierend retardierter Seeleneinblick tischlern, und mit ein wenig Nudel-Poetry a la Morrison („Ich opfere meinen Schwanz auf dem Altar des Schweigens“) verwandelt sich auch das von Möbel Brünninghaus eingerichtete Jugendzimmer in einen rauschtrunkenen Außenposten der Beat-Generation.
Seien wir mal ehrlich. Das hätte wir uns früher nie getraut. Etwas gegen Jim Morrson zu sagen war genauso gefährlich wie heutzutage öffentlich über den Propheten M. herzuziehen.
Wenn Freunde früher besoffen im Bordstein lagerten und ein paar Textzeilen von „The end“ zum Besten gaben. Das hatte was: Tiefe , Weltschmerz und den ganzen Sch… . Das war eine ganz andere Liga als der besoffene Proll, der über Gastarbeiter herzog.
Wie auch immer!
Durch diese Lektüre ermutigt und gestählt, bin ich bereit, eine heilige Kuh zu schlachten, die bei mir schon seit einiger Zeit mental herumläuft: Prefab Sprout!
Kennen Sie nicht? Tja, damit stehen Sie jetzt als Ignorant da. Denn um in der Pop-Szene als Kenner dazustehen, müssen Sie auf jeder Party steif und fest behaupten, dass beste Album der Achtziger war „Steve McQueen“ von Prefab Sprout. Diesen Quatsch hatte ich so oft gehört, dass ich vor zwei Jahren die Nerven verloren habe und mir die Scheibe für billig Geld holte. Und ab damit in den CD-Player. Es ging ganz ordentlich los mit „Faron Young“. Auch „Bonny“ im Anschluss war ein nettes Liebeslied. An die restliche Songs kann ich mich nicht erinnern, aber sie schrammten allesamt haarscharf am Kitsch vorbei. Das alles hörte sich nett an, mehr aber auch nicht.
Das sollte die beste Scheibe der Achtziger gewesen sein? Ich wollte es nicht glauben, aber immerhin wäre es möglich. Denn die Achtziger hatten fast nur grauenvolle Musik zu bieten und es könnte natürlich sein, dass diese Seicht-Pop-Scheibe der musikalische Höhepunkt war, quasi die Einäugige unter den Blinden. Aber nein! Beim genaueren Überlegen fiel mir dann doch die eine oder andere Scheibe ein, die „Steve McQueen“ locker in der Schatten stellte, zB „Infidels“ von Dylan oder „No method, no guru, no teacher“ von Van the Man. Völlig unmöglich, dass es sich bei diesem Werk um den musikalischen Orgasmus der Achtziger handelt!
Jetzt bin ich am Rätseln, wer diesen hanebüchenen Unsinn in die Welt gesetzt hat. Meine Theorie ist folgende:
irgendwo in den Redaktionsräumen der Musik-Illustrierten sitzt der Papst unter den Musikkritikern. Sein Wort ist Gesetz. Der Reich-Ranicki des Pop-Journalismus. Der Mann kann Karrieren starten und wieder zerstören. Keiner unter den Musikkritikern widersetzt sich seinem Verdikt. Was er schreibt, schreiben andere Musikkritiker in abgewandelter Form ab. Irgendwann aus einer Bierlaune heraus, kam dieser Mann auf die Idee, eine völlig unbedeutende, mittelmäßige Pop-Combo in den Rang von musikalischen Genies zu erheben, um zu sehen wie weit sein Einfluss reicht. (Jimi Hendrix hat ja auch oft absichtlich Sch.. gespielt. Den Leuten wars egal, sie haben ihn trotzdem angehimmelt. Hurz!)
Als er sich am nächsten Tag die Rezensions-CDs anschaute fiel die Wahl für sein Projekt zufällig auf besagte Prefab Sprout. Also schrieb jener Kritiker eine hymnische Eloge auf diese Band. Die anderen Kritiker dachten wahrscheinlich erst, dass ihr Kollege wahnsinnig geworden sei. Aber man steht dann doch nur ungern als Ignorant da.
Also ging man auf Nummer sicher und verfasste ebenfalls brav die anstehenden Lobeshymnen auf „Steve McQueen“. Und zack war eine Legende geboren. Und Prefab-Sprout Sänger Paddy Mac Aloon steht in einer Reihe mit den letzten musikalischen Wahnsinnsgenies vom Range eines Scott Walker oder Brian Wilson wie letztens in der „Konkret“ keck behauptet wurde. (Andererseits stimmt es natürlich, denn keine Sau hört Walker und Wilson heutzutage noch). Jetzt hat eben jener Paddy MacAloon sein Song-Archiv durchforstet und aus alten Songs eine neue Scheibe zusammengestellt: „Let’s change the world with music“. Hören Sie selbst! Wenn das ein Meisterwerk ist, dann bin ich Ludwig van Beethoven. Nee, das ist Pop-Gedudel.